Bitte warten Sie

Haben Sie noch ein klein biss­chen Geduld..
Hier wer­den Sie geholfen. Von wegen. Unsere ser­vice­ori­en­tierte Gesellschaft mutiert immer mehr zu ein­er verkauf­sori­en­tierten. Die Wartezeit wird mit Pro­duk­tange­boten über­brückt, die wohl kaum auf das Inter­esse eines Kun­den tre­f­fen, der sich ja fast auss­chließlich wegen eines akuten Prob­lems an die jew­eilige Hot­line wen­det. Ich frage mich ern­sthaft, wie hoch wohl die Abschlussquote solch­er eher kon­trapro­duk­tiv­en Maß­nah­men ist..?
Sehr hoch ist dage­gen die Summe aller Warteminuten, die wir in Warteschleifen ver­brin­gen — ca. 45 Stun­den pro Jahr oder 140 Tage im Leben. Dazu kommt noch die Vor­bere­itungszeit, um Unter­la­gen, Num­mern, Pins, Zugangs­dat­en und ähn­liche Bürokratiewun­der zusam­men­zu­tra­gen; nur um dann nach nervi­gen 15 Minuten Entspan­nung festzustellen, dass der Anruf wohl nicht erwün­scht war.
Sie kön­nen es ja mal mit Kündi­gun­gen, zum Beispiel bei Mobil­funkan­bi­etern, ver­suchen. Hier scheint die Idee mit den drei Affen umge­set­zt wor­den zu sein. Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.. Wom­öglich erledi­gen sich ja Kündi­gungs­grund oder Prob­lem wie von Zauber­hand von ganz alleine.
Der Elek­troau­towun­sch eines Bekan­nten hat sich auf die gle­iche Weise erledigt. Ihm wurde mit­geteilt, dass er 12 bis 18 Monate auf seinen i8 warten müsse. Bleibt zu hof­fen, dass er bei einem anderen Anbi­eter fündig wird. Ein­same Spitze bleibt allerd­ings der Tra­bant, der mit ein­er Wartezeit von bis zu 17 Jahren aus­geliefert wurde. Der i3 dauert immer­hin nur 6 Monate.
Die Wartezeit­en sind aus Sicht der Her­steller ein­er­seits natür­lich ein begrüßenswert­er Indika­tor für mehr Bestel­lun­gen als erwartet, ander­er­seits han­delt es sich ins­ge­samt aber auch nur um ein paar Tausend Fahrzeuge. Da ist also noch ordentlich Luft drin. Die flache Anlaufkurve sollte möglichst bald eine Per­for­mance zeigen, die in der Lage ist, sich in einem glob­alen Wet­tbe­werb um Mark­tan­teile dauer­haft zu beweisen und Wertschöp­fungspoten­ziale langfristig zu sich­ern. Zudem wirkt sich die Pro­duk­tion von Vol­u­men­mod­ellen natür­lich auch auf die Her­stel­lungskosten aus und die Fahrzeuge kön­nen in großen Serien deut­lich gün­stiger ange­boten werden.
Ob das tat­säch­lich seit­ens der deutschen Auto­mo­bilin­dus­trie gewün­scht ist und ob die Poli­tik den Prozess der Elek­tro­mo­bil­isierung angemessen unter­stützt, bleibt zu bezweifeln. Ich kann schon ver­ste­hen, dass tradierte Struk­turen erst über­wun­den wer­den müssen und ein ren­dites­tarkes Erfol­gsmod­ell nicht früher als wirk­lich notwendig aufgegeben wird.
Uns geht es dabei aber nicht ein­fach nur um einen Sys­temwech­sel hin zu ein­er neuen, fortschrit­tlicheren Tech­nolo­gie, die wir nur haben wollen, weil wir es halt kön­nen. Nein, es geht um viel mehr. Da gibt es ein­er­seits die Kli­ma- und Umweltschutza­spek­te, die rein gar nichts mit einem grü­nen Wun­schdenken zu tun haben, son­dern vielmehr mit dem Anspruch und der Notwendigkeit, sich mit gesun­dem Men­schen­ver­stand nach­haltig für eine saubere und leise Mobil­ität einzuset­zen. Es geht um die Abhängigkeit von Öl und all den damit ver­bun­de­nen Prob­le­men. Und es geht um unseren Wohl­stand. Eine Argu­men­ta­tions­kette, die ganz viel mit Weit­sicht, Wet­tbe­werb­s­fähigkeit und Wertschöp­fung zu tun hat und ganz wenig mit kurzfristi­gen indus­triepoli­tis­chen Zie­len, ver­meintlich­er Arbeit­splatzsicherung und Quar­tal­szahlen, die immer nur den näch­sten Step fokussieren, aber nicht das große Ganze berücksichtigen.
Die meis­ten mein­er Gesprächspart­ner ins­beson­dere aus der Poli­tik steigen bei nach­fol­gen­dem Szenario meist schon nach der ersten Runde aus. Rufen Sie sich nur ein­mal den Ver­lust der heimis­chen Pho­to­voltaikin­dus­trie an einen asi­atis­chen Play­er ins Gedächt­nis und stellen Sie sich vor, man würde dort, wohl auch bed­ingt durch gravierende Smog­prob­leme, auf emis­sion­sarme Fahrzeugkonzepte set­zen und ähn­lich wie im Zweirad­bere­ich mit bere­its über 100 Mil­lio­nen chi­ne­sis­chen eRollern die inländis­che Elek­troau­to­pro­duk­tion ankurbeln. Sicher­lich wären das nicht ansatzweise diese beschä­menden Stück­zahlen, die wir derzeit pro­duzieren. Die Qual­ität der chi­ne­sis­chen eFahrzeuge hat sich im übri­gen allein in den let­zten fünf Jahren drastisch verbessert. Im Rah­men der let­zten Auto­mechani­ka in Shang­hai kon­nte ich mich per­sön­lich davon überzeu­gen und würde eini­gen Mod­ellen bere­its die Fähigkeit zus­prechen wollen, auch auf dem europäis­chen Markt mit­spie­len zu kön­nen. Nicht zu vergessen Län­der wie Japan und Korea, aber auch die USA, die eben­falls ange­treten sind, der Vorherrschaft deutsch­er Auto­mo­bilgeschichte die Stirn zu bieten. Wollte man sich nun weit­ere Mark­tan­teile auch im glob­alen Export­geschäft sich­ern, wäre es sicher­lich förder­lich, eine Über­pro­duk­tion aus den großen, kostengün­sti­gen Serien eben­so gün­stig nach Europa zu verkaufen. Dieses hier nun stark vere­in­fachte Szenario hätte zur Folge, dass wir uns zunehmend eine Elek­tro­mo­bil­ität leis­ten kön­nten, die einen Großteil unser­er Bedürfnisse bedi­ent, leise und sauber ist, aber eben kein­er­lei, bzw. eine ver­gle­ich­sweise nur sehr geringe Wertschöp­fung für uns als Auto­mo­bil­na­tion bedeutet. Ein zugegeben noch recht schwach­er Indika­tor für solch eine mögliche Entwick­lung ist die Tat­sache, dass die hohe mon­etäre Förderung von eAu­tos, die zum Beispiel in Chi­na bei umgerech­net über 10.000 Euro liegt, auf inländis­che Marken beschränkt wurde. Einen stärk­eren Indiz liefert der bere­its erwäh­nte Zus­tand unser­er Photovoltaikbranche.
Wann begreift die Mehrheit unser­er deutschen und auch europäis­chen Poli­tik endlich, dass der Schutz tradiert­er Struk­turen langfristig nicht zielführend ist..? Was ist zuviel ver­langt, wenn wir fordern, sich kon­se­quent für das sog­ar selb­st gesteck­te Ziel ein­er Energie- und Mobil­itätswende einzuset­zen..? Warum gelingt es nicht, den tat­säch­lich ja bere­its sog­ar ges­tarteten Über­gang deut­lich zu beschle­u­ni­gen und die Ver­hin­der­er ein­fach nicht mehr mit­spie­len zu lassen..?
Es ist wichtig, dass wir uns gemein­sam lösung­sori­en­tiert in eine Rich­tung bewe­gen. In die Zukun­ft. Ein Club der Willi­gen hat sich bere­its in unserem beständig wach­senden BEM-Net­zw­erk gefun­den. Unter­stützen Sie uns dabei, empfehlen Sie Ihren Part­nern, Kun­den und Ihrem Umfeld eine Mit­glied­schaft im Bun­desver­band eMo­bil­ität und sor­gen Sie so mit uns gemein­sam dafür, dass wir die Kraft und das notwendi­ge Durch­set­zungsver­mö­gen erhal­ten, um die Neue Mobil­ität weit­er tragfähig in der Gesellschaft zu ver­ankern. Anders geht es nicht.
Wir wollen nun nicht länger warten. Wir haben keine Geduld mehr. Wir wollen endlich deut­lich emis­sion­särmere Fahrzeuge, inter­modal und intel­li­gent funk­tion­ierende Verkehrskonzepte, weniger Ges­tank und weniger Lärm.
Selb­stver­ständlich ist auch das Elek­tro­fahrzeug mit sein­er Bat­terie noch nicht ressourcenfrei her­stell­bar oder zu 100% recycel­bar. Hier gibt es natür­lich weit­er­hin Forschungs­be­darf und Verbesserungspoten­ziale; so wie auch das fos­sile Auto­mo­bil etliche tech­nol­o­gis­che Verbesserun­gen durch­laufen hat, um sich nun allmäh­lich sein­er Effizien­z­gren­ze nur noch sehr langsam zu näh­ern. Der Wirkungs­grad heutiger Auto­mo­bile lässt sich nicht mehr gravierend steigern, auf’s Fahrrad wer­den wir alle nicht umsteigen und ein 500-Kilo-Fahrzeug ohne den ganzen Schnick Schnack lässt sich bei den meis­ten wohl kurzfristig lei­der noch schlechter durch­set­zen. Bleibt das Elek­tro­fahrzeug, das zudem beispiel­sweise als Teil­nehmer im Smart­Grid der Zukun­ft ein großer Vorteil bei der weit­eren Inte­gra­tion Erneuer­bar­er Energien sein kann. So gilt es, ver­stärkt in sehr viel größeren Gesamtzusam­men­hän­gen zu denken und zu agieren.
Edi­to­r­i­al von Chris­t­ian Heep, Vize-Präsi­dent im Bun­desver­band eMo­bil­ität und Chefredak­teur der NEUEN MOBILITÄT / Aus­gabe 17 / Juni 2015

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