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    Anspruch & Wirklichkeit

    So ein Quatsch..!

    Der Ausspruch zeugt mitnichten von der Mitgliedschaft in einer bildungsfernen Schicht. Vielmehr ist er Teil einer weit verbreiteten Kommentarfunktion, die einem komplexen Unverständnis Ausdruck geben soll. Die kurze Wortansammlung hat dabei eine resignative Komponente und wird zumeist mit einem zeitlupenartigen Kopfschütteln begleitet. Sie will ausdrücken, dass es sich kaum lohnt, die sich fortwährend wiederholenden Phrasen konstruktiv zu kommentieren und gibt einer sich ausbreitenden Frustration einen Raum, den man eigentlich nicht wirklich haben wollte.

    Allerdings ist es kaum noch möglich mit einer kurzen fachlich korrekten Intervention den teilweise ins Bodenlose verdrehten Aussagen, Redebeiträgen und Statements aus Politik, Wirtschaft und Medien sinnhafte Wirk- und Erkenntniszusammenhänge abzuringen. Diese Aussagen im richtigen Sinne zu verargumentieren, sie zu entwirren und wieder ans Licht der Wahrheit zu bringen, ist nicht ohne weiteres möglich und bringt uns auf Dauer sicherlich in einen Zustand akut pathologischer Aufgabe. Um das effektiv zu vermeiden sagen wir also »So ein Quatsch«, betonen das entsprechend theatralisch und bewegen den Kopf von der einen auf die andere Seite. Dann gehen wir gedanklich möglichst schnell weiter.

    Schließlich ist es recht müßig, sich um jeden Wirrkopf zu kümmern und die vorab beschriebene Haltung zeigt doch, dass wir sehr wohl in der Lage sind unsere Umgebung differenziert zu betrachten und der Prämisse folgen: Wir spielen nicht mit jedem, fühlen uns im Club der Willigen ganz gut aufgehoben und auf lange Sicht werden sich Ethik, Moral, Wahrheit und Fortschritt schon durchsetzen.

    Pustekuchen. Denn was ist, wenn die Rhetorik grenzdebiler Aussagen in Bereiche vordringt, die uns und unsere Kinder direkt betreffen..? Entscheidungen, die im Hier und Heute getroffen werden, bzw. getroffen werden müssten..? Wenn es um eine Thematik geht, mit der wir uns privat oder beruflich intensiv beschäftigen und die die Lebensweise, Qualität und Zukunft großer Teile der Bevölkerung betrifft. Dann ist es gefährlich, sich nicht gegen falsche Aussagen, Fehlinformationen, Wahrheitsverdrehungen, Auslassungen und Unwissenheit zur Wehr zu setzen. Hier ist Widerspruch, Klarstellung, Aufklärung und im Allgemeinen ein gesellschaftspolitischer Widerstand geboten und gefordert. Wenn wir zulassen, dass sich Komplexität mit verlogenen Ansichten und beständig phrasischen Wiederholungen von Quatsch mischen, werden sich Sichtweisen, Standpunkte und Entwicklungen etablieren, denen wir uns nicht mehr mit Erfolg entziehen können. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese fragwürdigen meinungs- und mehrheitsbildenden Prozesse sich in gesetzgeberischen Konsequenzen manifestieren.

    Daher ist es zumindest auf Dauer nicht zielführend sich mit der Quatsch-Aussage aus der Verantwortung entlassen zu wollen und den anderen das Spielfeld zu überlassen. Tradierte Verhaltensmuster, die weder geeignet sind der Bevölkerung noch der Umwelt, geschweige denn nachfolgenden Generationen dienlich zu sein, die Ethik, Moral, Kultur und Nachhaltigkeit keine Beachtung schenken und primär profitgesteuerten und einseitigen industriepolitischen Interessen einer kleinen Gruppe folgen, dürfen in unserer Welt keine weitere Daseinsberechtigung haben.

    Vielmehr ist es notwendig, sich auf Faktengrundlage konsequent einzubringen und zu verdeutlichen: Nein. Das sehen wir anders, weil..

    Das ist anstrengend und zeitintensiv. Aber es ist die Mühen wert. Hätten wir uns zum Beispiel bei der Diskussion um die externen Kosten der fossilen Energiewirtschaft besser positioniert, hätten wir heute erst gar nicht das Dilemma, in dem wir argumentativ stecken. Fakt ist aber, dass diese Kosten in der gesellschaftspolitischen Diskussion kaum Beachtung finden und wir uns stattdessen beständig ein Märchen nach dem anderen auftischen lassen. Die psychologische Kriegsführung würde hier wohl von einem durchschlagenden Erfolg sprechen.

    Heute erklären uns vermeintliche Experten und Befürworter Erneuerbarer Energien rhetorisch einwandfrei, wieso, weshalb, warum und ich muss unvermittelt an die Sendung mit der Maus denken. In Foren werden Meinungen und vermeintliche Wahrheiten zur Sinnhaftigkeit der Elektromobilität verbreitet, dass sich mir die Haare sträuben. Der elektromobile Regierungsapparat verkündet beständig seine glorreiche Vorreiterrolle und selbst dem Konservativsten ist irgendwann klar geworden, dass Krieg und Öl doch mehr miteinander zu tun haben und industriepolitische Interessen womöglich mehr Gewicht haben als Umwelt- und Klimaschutz, Nachhaltigkeit, saubere Städte, intergenerative Gerechtigkeit und all der ganze Quatsch von dem die Ökos und Pseudo-Weltverbesserer die ganze Zeit reden – dabei aber teilweise dogmatisiert halt nicht so richtig gehört werden.

    Zudem ist es heute kaum noch möglich, die verschiedenen Seiten trennscharf zu identifizieren. Unternehmen und Konzerne haben sich die grünen Floskeln erschreckend glaubhaft zu eigen gemacht und geben unzählige Millionen für ein nachhaltiges, soziales und ökologisches Standing aus, wobei der zur Schau gestellte Anspruch und sich wiederholende Ankündigungen oftmals nicht im Ansatz der gelebten Wirklichkeit entsprechen. So ist es nicht damit getan den Tesla-Fighter zum Ende des Jahrzehnts anzukündigen und zu erwarten damit wieder vorne mitspielen zu können, nachdem man den eigenen Vorsprung bereits um Jahre verschlafen hat. Es ist weder strategisch geschickt noch unternehmenspolitisch sinnvoll, sich einem zukünftigen Megamarkt dauerhaft so blamabel zu verweigern und die eigene Unfähigkeit, globale industrie- und wirtschaftspolitische Entwicklungen und technologischen Fortschritt zu erkennen, so dermaßen unglaubwürdig zu kaschieren.

    Insbesondere die Politik kann und darf sich ihrer Verantwortung und Steuerungsfunktion nicht länger verwehren, denn sie gefährdet mit ihrer bipolaren Haltung die Interessen unseres Landes in Bezug auf Wertschöpfung und Wohlstand und hat offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass global agierende Konzerne keine Ländergrenzen kennen, 90 Ladekarten für Deutschland irgendwie zu viele sind und Schaufenster hauptsächlich auch etwas zur Schau stellen sollten. Andernfalls hätte man sie besser als Labore bezeichnen sollen. Allerdings müsste da dann auch tatsächlich an etwas gearbeitet werden, was möglichst auch nach Ablauf der Förderung noch funktioniert. Ansonsten wären die geförderten Steuermillionen ja in hohem Maße fehlinvestiert und weder im Sinne des Bürgers noch im Sinne der elektromobilen Zielsetzung verschwendet worden. Es ist unglaublich, dass wir so viel wertvolle Zeit alleine mit der unnötigen Diskussion zur Öffnung der Busspuren für Elektroautos vergeudet haben, anstatt uns zusammenzusetzen und lösungsorientiert die Maßnahmen zu besprechen, die tatsächlich und zeitnah geeignet sind, die Probleme unserer Mobilitätsbedürfnisse auf nationaler und internationaler Ebene zu lösen.

    Wir benötigen also ein klares politisches Statement für unsere Themen im Bereich der Energie- und Mobilitätswende, eine entsprechende Rechtssicherheit sowie eine solide finanzielle Basis, um einerseits den Herausforderungen und Erwartungen gerecht werden zu können und andererseits, um den Lobbyisten der anderen Seiten adäquat und auf Augenhöhe entgegen treten zu können. Für den Fall, dass solche gemeinwohl orientierten Organisationen wie der BEM in Zukunft nicht deutlich besser gefördert und unterstützt werden, sehe ich schwarz und rot gleichzeitig. Grünes Licht beschreibt in diesem Kon text einen Zustand, der wünschenswert wäre, der Wirklichkeit aber nicht entspricht. Daher ist damit zu rechnen, dass vermehrt wieder in den Modus »So ein Quatsch« gewechselt werden muss, da personelle Beschränkungen keinen Raum lassen für die Entwicklung, Ausarbeitung und Umsetzung geeigneter Gegenstrategien, Kampagnen und tagesaktueller medialer und politischer Verbandsarbeit in dem geforderten Umfang.

    Was für ein Quatsch. Philantrophen willkommen..!

    Editorial von Christian Heep, Vize-Präsident im Bundesverband eMobilität und Chefredakteur der NEUEN MOBILITÄT / Ausgabe 16 / März 2015

    Veröffentlicht am 20. März 2015