3.000 mit Strom betriebene Autos fahren auf hiesigen Straßen. 2020 sollen es mindestens eine Million sein. Wie das gehen kann, erklärt Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbandes eMobilität.
Herr Sigl, das erste Elektroauto hatte 1881 seine Straßenpremiere. Wo steht die eMobilität heute, 130 Jahre später?
Was Deutschland betrifft, haben wir manche Entwicklung verpennt.
Woran liegt das?
Wir haben 125 Jahre Verbrennungsmotor zwischen damals und heute. Das hat sechs Generationen geprägt. Und wenn sechs Generationen geprägt wurden, ist es nicht so einfach, von heute auf morgen umzusteigen. Die größte Gefahr sehe ich darin, dass wir uns wieder verquatschen. Wir reden und reden und tun nichts. Das macht mir wesentlich mehr Kopfzerbrechen alles andere. Die Technik etwa hat sich seit den ersten Elektroautos um mehr als 100 Prozent verbessert.
Was konkret ist jetzt zu tun?
Ganz pragmatisch: Wir müssen Geld in die Hand nehmen. Wir müssen gezielt fördern. Wir müssen Vorreiter spielen. Man muss es den Leuten vorleben. Es nützt nichts, darüber zu sprechen und selbst nichts zu tun. Insbesondere die Regierung ist angehalten, jetzt in ihrem eigenen Fuhrpark den Anfang zu machen.
Meinen Sie Busflotten der Kommunen, etwa die Müllabfuhr?
Ja, auch die Fahrzeugflotten der Kommunalbetriebe und kommunalnahen Unternehmen, wie beispielsweise die Stadtwerke oder die Müllabfuhr sollten auf Elektroautos umgestellt werden. Es gibt viele Möglichkeiten, Zeichen zu setzen und Leuchttürme zu bauen. Wir wissen: Wo Politiker Elektromobilität in die Hand nehmen und selbst zelebrieren, dort funktioniert Elektromobilität auch.
Können Sie ein Beispiel nennen?
In Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen gibt es einige Bürgermeister, die Vorreiter sind. Dort wird einfach gemacht und dort funktioniert es auch, weil die Leute sehen: Moment mal, wenn der es macht, können wir es auch tun.
Haben die Deutschen denn Vorurteile gegenüber Elektroautos?
Es gibt Ängste. Da ist das Reichweitenproblem, das immer wieder in den Mittelpunkt gestellt wird.
Wie weit reicht eine Stromladung?
Standard am Markt sind derzeit 150 Kilometer.
Und das würde vielen reichen?
Auf jeden Fall. Es gibt 47 Millionen Fahrzeuge in Deutschland. 80 Prozent fahren täglich nicht mehr als 35 bis 50 Kilometer. Das kann das Elektro-Auto wunderbar abdecken.
Dann gibt es noch die Sorge, dass man nicht überall laden kann. Was sagen Sie dazu?
Wir haben mit dem Stromnetz die beste Infrastruktur, die es gibt. Alle diese Fahrzeuge kann man ganz normal an der Haushaltssteckdose laden. Bequem nachts in der Garage.
Und wer keine Garage hat?
Die so genannten Laternenparker können doch mal mit ihrem Arbeitgeber sprechen. Das klappt meistens sehr gut.
Wie viele Elektroautos rollen derzeit auf hiesigen Straßen?
Es gibt im Moment nicht mal 3.000 Elektrofahrzeuge in Deutschland.
Wie sieht Ihre Prognose aus?
Die Nationale Plattform Elektromobilität geht von einer Million Fahrzeuge bis 2020 aus. Wir als Bundesverband eMobilität halten das für tief gegriffen und rechnen mit vier bis sechs Millionen Fahrzeugen.
In weniger als zehn Jahren? Wie soll so ein Sprung möglich sein?
Ganz einfach: Derzeit sitzen die Hauptanbieter von Elektroautos in Frankreich, den USA und China. 2013 wird die deutsche Automobilindustrie mit Vehemenz auf den Markt vordringen. VW, Mercedes, BMW: Die stehen alle in den Startlöchern.
Was nützt uns eigentlich mehr Elektromobilität?
Wir gewinnen Lebensqualität. Die Fahrzeuge sind emissionsfrei, wenn sie mit Erneuerbaren Energien betrieben werden. Selbst bei einer Million Fahrzeugen liegt der Strommehrverbrauch bei 0,3 Prozent. Außerdem sind die Autos leiser. Es wird wesentlich angenehmer für alle, die auf den Straßen unterwegs sind. Stellen Sie sich das vor: Feinstaub und Lärm weg. Von heute auf morgen. Dazu kommt noch, dass die Autos selbst praktikabler werden. Der Motor ist viel kleiner, Abgasanlage und Getriebe fallen weg. Dadurch entstehen völlig neue Möglichkeiten für die Konstrukteure.
Sie sehen viele Chancen?
Nicht viele Chancen, sondern DIE Riesenchance überhaupt, im Bereich Fahrzeugbau neue Akzente und Maßstäbe zu setzen. Deutschland hat natürlich mit einer extrem starken Automobilindustrie im Backround alle Möglichkeiten dieses auf sehr hohem Niveau umzusetzen. Und dann diese Technologie weltweit zu verkaufen. Das wird auch Arbeitsplätze schaffen.
Also ist die eMobilität ein großer Wirtschaftsfaktor?
Ein sehr großer! Die Bundesregierung geht von 30.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen aus. Diese Zahl halten wir vom Verband für sehr untertrieben. Es werden entlang der gesamten Wertschöpfungskette zahlreiche neue Geschäftsmodelle entstehen. Betreiber von Sonnen- und Windkraftanlagen setzen große Hoffnungen in eAutos als Energiespeicher. Teilen Sie diese Hoffnungen? Ein aktueller Vortrag von mir trägt den Titel: „Warum das Haus der Zukunft ein Auto braucht.“ Dabei geht es nicht um noch mehr Autos, sondern um das Auto als Speicher für das Passiv-Energie-Haus. In Deutschland läuft die Testphase, in Österreich wird das schon teils praktiziert.
Damit ihre Ziele erreicht werden können, müssen sich sehr schnell sehr viele an einen Tisch setzen, oder? Politiker, Autobauer?
Diese und noch viele mehr. Eine Branchen, Parteien und Länder übergreifende Zusammenarbeit wird essentiell, damit wir die Entwicklung nicht wieder verschlafen. Dazu zählen Auto- und Motorenbauer, Zulieferer der Speicherindustrie, Akkumulatorenbauer, Politiker, Verbände, IT-Unternehmen und eine Reihe anderer. Das wird die nächsten zehn Jahre eine Herkulesaufgabe, der wir uns als Sprachrohr der Branche stellen.
Interview: Yvonne Holl
Quelle: vorwärts.de









