BEM-Vorstand Christian Heep im Gespräch mit electrive.net

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BEM-Vorstand Christian Heep im Gespräch mit electrive.net

E-Gespräch: “Das Zeitalter der Elektromobilität hat begonnen.” Christian Heep, Bundesverband eMobilität.

Keine 3.000 Elektroautos sind aktuell auf deutschen Straßen unterwegs. Doch geht’s nach Christian Heep, Geschäftsführer und Vorstand im Bundesverband eMobilität, sind es 2020 schon viereinhalb Millionen. Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von E-Fahrzeugen kommt dabei der Hauptstadt Berlin zu. Als Mitveranstalter des Konferenzprogramms im Rahmen der Clean Tech World, die Ende September in Berlin stattfindet, skizziert Heep im Interview mit electrive.net ein elektromobiles Berlin und erklärt, warum er den Aufbau von Ladesäulen derzeit noch für verzichtbar hält.

Eine Million Elektroautos sollen 2020 über deutsche Straßen rollen. Wie realistisch ist das Ziel der Regierung aus Ihrer Sicht?
Heep: Wenn wirklich alle relevanten Player die enormen Potenziale der Elektromobilität erkennen und entsprechend handeln würden, dann gehen wir vom Bundesverband eMobilität bis 2020 von ambitionierten, aber durchaus realistischen 4,5 Millionen Elektrofahrzeugen auf deutschen Straßen aus.

Wurmt es Sie sehr, dass es in Deutschland bis dato keine direkten Kaufanreize gibt?
Heep: Leider ist zu befürchten, dass wir unsere Chancen auf dem Zukunftsmarkt Mobilität aufs Spiel setzen. Die deutsche Förderablehnung passt überhaupt nicht zu dem Anspruch Leitmarkt für Elektromobilität zu werden, insbesondere da der Wettlauf um marktbeherrschende Positionen im europäischen und internationalen Ausland bereits auf Hochtouren läuft. Viele Automobilhersteller sehen daher ihren Erstmarkt gar nicht in Deutschland. Wir müssen endlich aktiv ein Zeichen für eine Neue Mobilität setzen.

Welche Maßnahmen wären geeignet, die Anschaffung eines eAutos zu unterstützen?
Heep: Wenn die Bundesregierung schon keine monetäre Förderung der Elektromobilität vorsehen möchte, dann hätte sie zumindest bei der Dienstwagenbesteuerung einen echten Anreiz schaffen können. Das Korrektiv allein ist von einem Leitmarktanspruch genauso weit entfernt, wie die deutsche Förderablehnung von einer realistischen, nachhaltigen und wirtschaftlichen Zukunftsperspektive. Solange Elektroautos in der Anschaffung teurer sind als konventionelle Fahrzeuge wäre mit der Einführung der 0%-Regelung für elektrische Dienstwagen ein temporärer Wettbewerbsvorteil geschaffen – ein echter Marktanreiz für Erste Flotten ganz im Sinne einer mittelfristigen Marktfähigkeit der Neuen Mobilität.

Außerdem schlagen wir eine heterogene Förderinitiative vor. Eine intelligente Förderung der ersten 250.000 verkauften Elektrofahrzeuge in Höhe von je 10.000 Euro, die zu 50 Prozent sowohl den Elektrofahrzeug-Herstellern als auch den Käufern zu Gute kommen. Denn insbesondere bei Produkteinführungen und Technologiesprüngen – wir sprechen hier von einem Systemwechsel – kann und muss die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.

Ist der Aufbau der Ladeinfrastruktur entscheidend für einen möglichen Durchbruch oder wird das Thema allgemein überbewertet?
Heep: Ein flächendeckender Aufbau der Ladeinfrastruktur ist zum jetzigen Zeitpunkt weder sinnvoll, noch notwendig, um Elektromobilität als realistische Mobilitätsalternative zu etablieren. Da vor allem zu Hause und am Arbeitsplatz geladen wird, müssen in einem ersten Schritt vor allem auf unternehmenseigenen Parkplätzen Lademöglichkeiten geschaffen werden. Zu Hause funktioniert die Ladung im ländlichen Raum in Einfamilienhäusern in der Garage über die ganz normale Haushaltssteckdose. Zusätzlich bieten auch Parkhäuser oder Parkflächen etwa vor Einkaufszentren oder Supermärkten gute Lademöglichkeiten. Mit steigender Marktdurchdringung kann das Netz sukzessive ausgebaut werden.

Im urbanen Raum ist die Politik gefragt, um gezielt die entsprechenden Rahmenbedingungen für die so genannten Laternenparker zu schaffen. Um den Early Adopters in den Großstädten das Laden auch zu Hause zu ermöglichen, bedarf es zielgerichteter, punktueller Maßnahmen. Denkbar wäre hier zum Beispiel ein eMobilitätspaket, welches beim Kauf eines Elektroautos auch die notwendige Lademöglichkeit inkludiert.

Welche Herausforderungen muss eine Metropole wie Berlin noch meistern, bevor hier gute Bedingungen für Elektrofahrzeuge herrschen?
Heep: Berlin bringt bereits gute Voraussetzungen mit: ein gut vernetzter ÖPNV, bereits existierende CarSharing-Angebote und die Bereitschaft, innovative und nachhaltige Wege im Bereich der Mobilität zu gehen. Vor diesem Hintergrund begrüßen wir die Schaufensterbewerbung der Hauptstadt. Damit fangen die Herausforderungen aber erst an. Wir haben nun lange genug geforscht und analysiert, jetzt ist es an der Zeit gesellschaftsübergreifend eine neue Phase bei der Einführung der Elektromobilität einzuleiten. Elektromobilität darf nicht mehr nur als zeitlich und räumlich begrenztes Forschungsprojekt stattfinden, sondern muss in Ersten Flotten sichtbar auf die Straße gebracht werden. Genau an diesem Punkt sollte Berlin im Rahmen seiner Bewerbung als elektromobiles Schaufenster ansetzen.

Bei der Clean Tech World Ende September in Berlin liegt ein Schwerpunkt auf Mobilitätskonzepten, die eFahrzeuge integrieren. Wie sieht denn ein solches idealerweise aus?
Heep: Das Konzept einer intelligenten Neuen Mobilität umfasst nicht nur den Pkw- und Zweiradbereich. Vielmehr handelt es sich um einen umfassenden Ansatz, der sowohl alle Formen der elektrischen Mobilität – vom Schienen-, über Boots-, bis hin zum Flugverkehr – inkludiert, als auch ein völlig neues Mobilitätsverhalten beschreibt. Wichtig wird die intelligente Nutzung verschiedener Verkehrsmittel – vom ÖPNV über CarSharing bis hin zu Elektrofahrzeugen oder zur gänzlichen Vermeidung einzelner Strecken, um möglichst effizient und nachhaltig von A nach B zu gelangen. Im Rahmen dieses neuen Mobilitätsverständnisses rückt die Bindung des Individuums an das Automobil zunehmend zugunsten einer umfassenden Mobilität in den Hintergrund.

Wäre Elektro-CarSharing, wie es Car2Go in Amsterdam praktizieren will, ein Modell für Berlin?
Heep: Selbstverständlich. CarSharing-Angebote mit eFahrzeugen sind im urbanen Raum ideal einsetzbar. Solche Projekte sind gerade in Hinblick auf Erfahrbarkeit und Sichtbarkeit der Neuen Mobilität extrem wichtig. Damit wird einem sehr breiten Publikum demonstriert, dass Elektrofahrzeuge bereits jetzt alltagstauglich sind und sich ideal in nachhaltige Mobilitätskonzepte integrieren lassen.

Welche Anwendungsbeispiele sehen Sie sonst noch für ein elektromobiles Berlin?
Heep: Neben dem Einsatz in CarSharing-Flotten eignen sich bereits jetzt insbesondere kommunale Fuhrparks, Taxiflotten sowie Fahrzeugflotten kommunalnaher Unternehmen, deren tägliche Wegstrecken vorhersehbar sind, für den großflächigen Einsatz von Elektrofahrzeugen, um innerhalb der Gesellschaft deutliche Zeichen für die Neue Mobilität zu setzen.

In den Medien ist eMobilität nach wie vor ein Hype-Thema, das – gemessen an den verfügbaren Fahrzeugen – etwas aufgebläht daher kommt. Wann beginnt die eMobilität tatsächlich zu fliegen?
Heep: Das Zeitalter der Elektromobilität hat begonnen und ist inzwischen auf dem Weg zu einem erkennbaren und respektablen Markt, der über typische Branchengrenzen hinaus zusammenwächst und die Phase der Sondierung längst überwunden hat. Derzeit laufen wir unserem Leitmarktanspruch jedoch eher hinterher, als sichtbare Zeichen zu setzen. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass wir jetzt mit allen Mitteln in diesen Zukunftsmarkt einsteigen und uns auch langfristig erfolgreich als international kompetenter Partner zeigen. Die Voraussetzungen dafür bringen wir mit. Insbesondere in den Bereichen Forschung und Entwicklung, technischer Innovationen und Standardisierung haben wir die Nase vorn. Hier ist jetzt die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Welches verfügbare Elektroauto ist bislang Ihr ganz persönlicher Favorit?
Heep: Mein klarer Favorit ist der Tesla Roadster. Dank unseres Mitgliedsunternehmens juwi haben wir den Elektrosportwagen für verschiedene Veranstaltungen in Berlin zur Verfügung. Da sind Fahrspaß pur und bewundernde Blicke auf der Straße garantiert. Große Konkurrenz bekommt er allerdings von Artega aus meiner Heimatstadt Delbrück. Der Elektroflitzer Artega SE bringt es in 4,3 Sekunden auf 100km/h – bis jetzt handelt es sich dabei aber leider noch um einen Prototypen. Es bleibt spannend.
Herr Heep, vielen Dank für das E-Gespräch!

Quelle: electrive.net