Aus den zahlreichen Gesprächen mit den elektromobilen Playern der letzten zwei Jahre wird deutlich: Aus der Vision Elektromobilität ist inzwischen ein erkennbarer und respektabler Markt geworden, der über typische Branchengrenzen hinaus zusammenwächst und die Phase der Sondierung längst überwunden hat. Vor diesem Hintergrund müsste Elektromobilität in Deutschland längst viel weiter sein. Die Branche der Neuen Mobilität hat bereits ganz klar den Zusammenhang zwischen dem Zeitfaktor der Marktentwicklung, heimischer Wertschöpfung, dem damit verbundenen Wohlstand und der langfristigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt erkannt.
Zukunftsmarkt Elektromobilität
Jeder siebte Arbeitsplatz hängt in Deutschland direkt und indirekt von der Automobilindustrie ab. Experten gehen davon aus, dass künftig weltweit mehr Jobs in dieser Branche verloren gehen, als geschaffen werden. Es ist also an Deutschland, sich jetzt frühzeitig neu zu orientieren und nachhaltig als Leitmarkt zu positionieren. Das Fraunhofer Institut geht von etwa 90.000 möglichen neuen Arbeitsplätzen im Elektromobilitätssektor in Deutschland aus. Solche Veränderungen wären über die Elektromobilitätsbranche hinaus spürbar.
Entscheidend ist an dieser Stelle, dass wir jetzt mit allen Mitteln in diesen Zukunftsmarkt einsteigen und uns auch langfristig erfolgreich als weltweit kompetenter Partner zeigen. Die Voraussetzungen dafür bringen wir mit. Insbesondere in den Bereichen Forschung und Entwicklung, technischer Innovationen und Standardisierung haben wir die Nase vorn. Aber wie lange noch? Die ausländische Konkurrenz hat die Chancen bereits erkannt und ist bereit diese auch zu nutzen. Mit Hochdruck wird so beispielsweise in China sowohl von Regierungs- als auch von Unternehmensseite in die Neue Mobilität investiert. Und das erfolgreich.
Wir werden die Position des Marktführers nicht erreichen, solange Elektromobilität in Deutschland lediglich in Form von regional und zeitlich begrenzten Forschungsprojekten vorkommt. Neben dem durchaus wichtigen Engagement im Bereich der geplanten Schaufensterprojekte ist es an der Zeit, gesellschaftsübergreifend eine neue Phase bei der Einführung der Neuen Mobilität einzuleiten. Insbesondere in kommunalen Fuhrparks, deren tägliche Wegstrecken vorhersehbar sind, eignet sich der großflächige Einsatz von Elektrofahrzeugen bereits jetzt, um innerhalb der Gesellschaft deutliche Zeichen für die Neue Mobilität zu setzen.
Hier ist jetzt primär die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Beschränken sich die Maßnahmen der Bundesregierung weiterhin nur auf nicht-monetäre Anreize, laufen wir Gefahr weder Leitmarkt noch Leitanbieter zu werden und verspielen unsere Chance auf eine europäische und internationale Führungsrolle. Die Bundesregierung stellt derzeit ein elektromobiles Interesse zur Schau, das jenseits dessen ist, was gefordert wäre, um ernsthaft und glaubhaft eine Leitmarkt-Intention für Elektromobilität in unserer Gesellschaft zu vertreten. Hier ist ein sehr viel ambitionierteres Vorgehen erforderlich.
Argumente für die Neue Mobilität
Woran liegt die derzeitige Zurückhaltung der deutschen Politiker? Die Angst, dass nicht genügend Ökostrom vorhanden sein wird, um obendrein eine Vielzahl von Elektrofahrzeugen damit zu beladen, kann es nicht sein. Eine Million Elektroautos verbrauchen lediglich 0,3 Prozent der Gesamtstromproduktion in Deutschland. Allein der prognostizierte Zubau Erneuerbarer Energien kann problemlos über 40 Millionen Elektroautos mit nachhaltigem Strom versorgen.
Elektroautos sind nicht alltagstauglich, ihre Reichweite ist zu kurz und die Ladezeit zu lang. Derlei Vorurteile gegen die Neue Mobilität gibt es zu Genüge. Und das nicht nicht nur an den Stammtischen der Nation, sondern leider auch immer noch in den Führungsebenen großer Konzerne. Das der Großteil davon nicht stimmt, wissen die Wenigsten. So liegt die aktuelle Reichweite von Elektroautos bei 120 bis 150 Kilometern, wobei in Deutschland durchschnittlich nur 42 Kilometer pro Tag in einem Pkw zurück gelegt werden. Nur 4 Prozent der Deutschen fahren mehr als 160 Kilometer pro Tag. Und auch Ladezeiten von bis zu 7 Stunden – 30 Minuten an Schnell-Ladestationen – stellen bei einer durchschnittlichen Standzeit von bis zu 23 Stunden pro Tag keine Einschränkung dar. Damit wird klar: Elektroautos sind bereits jetzt problemlos im Alltag zu integrieren. Insbesondere im Bereich der Zweitwagen (insgesamt ca. 10 Millionen), denn gerade hier steht im Bedarfsfall der fossile Erstwagen mit entsprechender “Reichweite” noch zur Verfügung.
Elektromobilität & Erneuerbare Energien als ideale Partner
Bis 2015 sollen laut EU-Verordnung die CO2-Emissionen aller Pkw-Neuzulassungen auf 130 Gramm C02/km reduziert werden. Werden Elektroautos mit Strom aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien geladen, liegt ihr C02-Ausstoß bei lediglich 5 Gramm. Beim derzeitigen deutschen Strommix sind es ebenfalls nur 107 Gramm, Tendenz analog zum weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien sinkend. Im Vergleich dazu liegt der Wert von aktuellen Diesel-Pkw bei 132 Gramm. Je höher also der Anteil Erneuerbarer Energien am deutschen Strommix, desto größer wird die Diskrepanz zwischen einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor und einem batterieelektrischen Fahrzeug. Und zwar immer zu Gunsten der Elektrofahrzeuge.
Das Elektroauto kann als mobiler Speicher mit Hilfe von Smart-Home- und Smart-Grid-Technologien als Teil intelligenter Stromnetze überschüssigen Strom aus Erneuerbaren Energien speichern. Vor diesem Hintergrund sind Elektrofahrzeuge und Erneuerbare Energien die idealen Partner künftiger Mobilitätskonzepte.
Systemwechsel Elektromobilität
Der bevorstehende Systemwechsel einer über 100-jährigen fossilen in eine postfossile Phase stellt nicht nur Industrie und Wirtschaft vor neue Herausforderungen. Letztendlich geht es darum ein gesellschaftsübergreifendes Bewusstsein für eine nachhaltige Neue Mobilität zu schaffen.
Es gilt bundesweit über realistische Chancen und Möglichkeiten der Elektromobilität zu informieren, Klima- und Umweltschutzpotenziale aufzuzeigen und die Menschen zu motivieren, die Individualmobilität langfristig auf Elektromobilität umzustellen. Dazu gehört die umfassende Information der Verbraucher über bereits bestehende Fahrzeugangebote, Potenziale von Erneuerbaren Energien in Kombination mit Elektrofahrzeugen, Kosten- und Einsparpotenziale sowie über Elektromobilität als Wachstumsbranche und künftigen Jobmotor.
Das hat sich der Bundesverband eMobilität als Sprachrohr der Branche zur Aufgabe gemacht. Tagesaktuelle Informationen zur Elektromobilität liefert der BEM über seine Homepage, den BEM eMobile Ticker und den alle zwei Wochen erscheinenden eNewsletter. Vierteljährlich informiert unser Fachmagazin NEUE MOBILITÄT über aktuelle Entwicklungen und Projekte. Experten diskutieren in zahlreichen Fachartikeln und Kommentaren aktuelle Fragestellungen und Interviews mit verschiedenen eMobilitäts-Playern liefern interessante Einblicke in die Branche.
Kurt Sigl, Präsident Bundesverband eMobilität e.V.
Quelle: OEM&Lieferant / Ausgabe 2/2011 mit Sonderteil “Elektromobilität”









